time relative

Das blaue Wunder, 2021/24

Die dreiteilige fotografische Arbeit Das blaue Wunder verhandelt das Motiv der Distanz – geografisch, biografisch und emotional – und fragt nach den Möglichkeiten ihrer Überbrückung.

Ausgangspunkt ist eine Zugreise über 402 Kilometer von Dresden nach Heidelberg. Die durchschnittliche Reisedauer von 6 Stunden und 7 Minuten markiert dabei nicht nur eine physische Strecke, sondern eine Zeitspanne des Übergangs: zwischen zwei Städten, zwei Lebenswelten, zwei vertrauten Bezugspunkten.

Die Fotografien entstehen aus der Bewegung heraus. Vorbeiziehende Landschaften verschmelzen mit Spiegelungen im Zugfenster, Innen- und Außenraum überlagern sich. Flüchtige Konturen werden zu Metaphern für vorbeiziehende Leben – Begegnungen auf Zeit, geteilte Momente mit Unbekannten im selben Abteil. Der Zug wird zum Zwischenraum, in dem Fremdheit und Nähe zugleich existieren.

Gleichzeitig spannt die Arbeit einen persönlichen Bogen zwischen dem eigenen Lebensmittelpunkt in Heidelberg und dem einer Freundin in Dresden. Die Bilder tragen die Intensität gemeinsamer Erfahrungen in sich: Gespräche, Wiedersehen, Abschiede. Menschen sind nicht direkt sichtbar, aber in Gedanken und Erinnerungen präsent. Ihre Abwesenheit wird zur stillen Präsenz im Bildraum.

Der Titel verweist sowohl auf das Motiv des Staunens als auch auf das Bauwerk Blaues Wunder – eine Brücke als Sinnbild für Verbindung. So wird das „blaue Wunder“ zur Metapher für das Überbrücken von Entfernungen, für die Fähigkeit von Beziehungen, Raum und Zeit zu überwinden.

Die Arbeit versteht Zeit als relative Größe: Sechs Stunden können flüchtig erscheinen oder von Bedeutung erfüllt sein. Entscheidend ist nicht die messbare Dauer, sondern das, was im Inneren weiterwirkt.

Was wir im Herzen tragen, bleibt – unabhängig von Kilometern und Fahrplänen.